Don't die out there!

von Peter F. Schäfer


Liebe Freunde des amerikanischen Südwestens!

"Don't die out there!" Das ist der Titel eines Faltblatts, das ich in einem Trailhead Register fand. "Stirb nicht da draußen!" Wie enorm berechtigt dieser Appell an uns alle ist, wurde mir erst vor einigen Jahren wirklich klar. Damals mußte ich auf einer Wanderung im Grand Teton NP leider mit ansehen, wie bodenloser Leichtsinn zu einem tödlichen Bergunfall führte. Als ich dann im April 2003 erneut Zeuge einer äußerst kritischen Situation wurde, da beschloß ich spontan, zur Warnung für andere die Ereignisse festzuhalten...




Wir waren gerade dabei, in den nördlichen Coyote Buttes, nahe bei der "Second Wave", zum Top Rock Plateau hochzusteigen. Die Route ist hier zwar steil, für trittsichere Wanderer aber gefahrlos machbar. Nach ca. 2/3 der Strecke wichen wir ein Stück nach links aus, um auf die interessante Ebene direkt oberhalb der Wave hinabzublicken. Von einem Vorsprung beobachteten wir dann mit dem Fernglas ca. eine halbe Stunde lang eine Szene, in die wir leider nicht helfend eingreifen konnten. Zwei Jugendliche waren ohne technische Hilfsmittel in eine nach oben hin immer steiler werdende Felswand eingestiegen, vielleicht um zum Top Rock Arch zu gelangen. Dieser Arch ist, nebenbei bemerkt, gar nicht so schwer zu erreichen, aber eben nicht auf dem kürzesten "Weg". Einer der beiden Jugendlichen hatte die haarsträubende Kletterei schon weitgehend hinter sich gebracht, doch der andere kam nur noch ganz langsam vorwärts. Der Vater (?) rief von unten Ratschläge hoch, der Bruder (?) beobachtete still. Nach einiger Zeit ging es dann weder vorwärts noch zurück. Der junge Mann hatte sich komplett verstiegen und saß in der Klemme! Alleine konnte er sich daraus nicht mehr befreien. Ein Absturz an dieser Stelle wäre vermutlich tödlich gewesen. Auf Anweisung des Vaters kam der Bruder zu Hilfe und sicherte an einer äußerst exponierten Stelle einen Tritt. Die Rettung gelang. Kurz danach konnte ich durch das Fernglas sehen, wie sich der Gerettete an einer sicheren Stelle hinsetzte und die Hände vor dem Gesicht zusammen schlug.




Beim Klettern und Canyoneering kommt man u. U. zu einem Punkt, von dem aus ein (problemloser) Rückzug gerade noch möglich ist. Wird man sich dessen bewußt, so heißt es innehalten und nachdenken! Macht man weiter, dann kann die Sache gefährlich werden. Auf die harte Tour mußte dies 1996 ein amerikanischer Fotograf lernen, der den Brimstone Canyon erkunden wollte.

Der untere Teil dieses Canyons ist meines Erachtens von erfahrenen Canyonwanderern durchaus sicher begehbar. Er ist zwar dunkel, man muss u.U. auch etwas durch kaltes Wasser waten und trifft vielleicht auch auf kleine Klapperschlangen, doch gibt es keinerlei technische Schwierigkeiten. Ähnlich wie im benachbarten Spooky Canyon kann man sich auf langen Passagen nur seitwärts fortbewegen. Irgendwann kommt dann, in Abhängigkeit vom Bauchumfang, der Punkt, wo es nicht mehr weitergeht und man umkehren muss.

Der obere Teil des Brimstone Canyons liegt in einer recht unübersichtlichen Gegend, wo die Orientierung nicht ganz einfach ist. Hier ist besagter Fotograf dann in Schwierigkeiten geraten. Er zwängte sich weiter und tiefer durch enge Spalten als er es hätte tun sollen. Dann saß er fest, was durchaus wörtlich gemeint ist. Da niemand wußte wohin er aufgebrochen war, dauerte es acht (!) Tage bis eine Hundestaffel ihn fand, völlig dehydratisiert, aber lebend.

Zu den Gefahrenquellen in Slot Canyons gehören auch Chokestones (Klemmblöcke). Diese sind manchmal nicht so bombenfest verkeilt wie es aussieht. Aron Ralston, ein erfahrener Bergsteiger und Kletterer, schätzte einen solchen Klemmblock im Blue John Canyon im April 2003 falsch ein. Sein rechter Arm wurde eingeklemmt und alle Versuche, sich selbst zu befreien, scheiterten. Aron war allein aufgebrochen und hatte den unverzeihlichen Fehler begangen, niemand über seine Absichten zu informieren. Nach drei Tagen ging ihm das Wasser aus, nach fünf Tagen war er so verzweifelt, dass er sich mit Hilfe eines Pockettools selber den Arm unterhalb des Ellbogens amputierte. Nach Anbringen von Aderpresse und notdürftigem Verband seilte er sich noch 20 m ab. Nach weiteren fünf Meilen Fußmarsch begegnete er holländischen Wanderern und wurde gerettet. Aron hat ein Buch über sein Martyrium geschrieben: Aron Ralston: Im Canyon. Ullstein Verlag, 2005.

Es gibt noch viel mehr Beispiele von Unfällen in der Wildnis. Lassen wir daher noch einmal das oben erwähnte Faltblatt sprechen: "Life's too short to end it too early. Think it can't happen out there? Think again. The Canyon Country is tough. Isn't that how you wanted it?"

Man ist also immer gut beraten

- sich eingehend zu informieren,
- gut zu planen,
- innerhalb der eigenen Leistungsgrenzen zu bleiben,
- Sicherheitsratschläge zu beachten und
- den gesunden Menschenverstand zu benutzen.

Wer sich umsichtig verhält, hat nur noch ein geringes Restrisiko und das nehmen wir ja auch bei anderen Aktivitäten, z.B. dem Autofahren, in Kauf.

Zum Schluss möchte ich Euch noch ein zum Thema passendes Buch empfehlen, das wirklich brillant geschrieben ist. Jon Krakauer: In die Wildnis. Allein nach Alaska. Piper Verlag, 2002.

Ich wünsche Euch allen viel Spaß beim Wandern und ... don't die out there!

Peter Felix Schäfer


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